Orselina
Ein Ort meiner Geister.
Es ist einer jener Orte, an denen sich in den letzten Jahrzehnten kaum etwas verändert hatte, und ein Ort, der für mich lebhafte Erinnerungen in und um sich trägt. Er ist gefüllt mit den Geistern meiner Vergangenheit, sie schweben hier wirr umher, aber scheinbar nur noch für mich. Das Tropische lockt, die Palmenblätter zischen in der Sommerluft und der schwüle Wind aus dem Süden umarmt die rauen Hände des Nordens. Die Fledermäuse fliegen Slalom um die Häuser, ihre Silhouetten erkennt man im Abendrot, oberhalb des Berges auf der anderen Seeseite, von dem ich als kleines Kind einst dachte, es sei ein schlafender Dinosaurier.
Die Strasse schweift vom Locarno-Ascona-Delta hinauf und durch Via ai Monti, vorbei am Monti-Trinita bis hin zur Madonna del Sasso, die majestätisch aus den Felsen hinausragt und sich wichtig in das Gemälde des Horizontes über dem Lago Maggiore hineinzeichnet. Eine leicht übersehbare und stark angewinkelte Einfahrt in eine steile Seitenstrasse führt zur Andromeda Überbauung, in der meine Grosseltern anfangs der Achtzigerjahre eine, zumindest nach heutigen Standards, günstige Wohnung mit Aussicht und Garten gekauft hatten. Damals zeugten die hellen Marmorplatten, die im ganzen Haus verbaut wurden, von fast adeliger Qualität und Wohlstand. Die eher kleinen Eigentumswohnungen gehören heute teilweise noch immer den einstigen Elitären aus dem verblassten Aufschwung der Nachkriegszeit, andere fanden hier die finale Stätte für ihren Lebensabend. Und wir, die nun erwachsenen Kinder und Nachfolger, eine Flucht aus den Fängen unseres Alltags.
Der Norden endet für uns mit dem Nordportal des Gotthardtunnels in Göschenen und beginnt mit dem Südportal in Airolo. Eine Transformation von grau, kalt und Alltag, zu Wärme, Palmen und Ferien, geschieht in den nur wenigen Minuten und in weniger als siebzehn Kilometern im tiefen Innern des Gotthardgebirges. Flora und Fauna wechseln von nordisch zu mediterran, die Luft riecht nach Ferien – wir öffnen nach dem Ausfahren auf der Südseite unsere Fenster – der Wechsel der Mentalität von Deutschschweiz zu Tessin ist bereits im Strassenverkehr erkennbar. Auch wenn die Region rund um Locarno und Ascona herum von vielen Tessinern, wenn auch mit einem Augenzwinkern, noch zur Deutschschweiz mitgezählt wird - für uns bleibt die Illusion dennoch aufrechtstehend. Die Illusion, sich für einige Tage nicht mehr in der Schweiz zu befinden und in den Genuss vom „Dolce Vita“ mit den typisch-italienischen Speisen in einem Grotto, Pizzeria oder Trattoria, und beim anschliessenden Schlendern und Eisessen entlang des Seeufers in Ascona zu kommen.
Die Welt ist hier eine andere.



Beim Lesen hatte ich das Gefühl, dass du gar nicht in erster Linie über das Tessin schreibst. Sondern über das, was Orte mit uns machen können. Manche bewahren Erinnerungen so gut auf, dass wir sie beim Wiederkommen fast wieder einsammeln können. ❤️