Morra
Der dunkle Begleiter.
Vielleicht muss sie in Worte gefasst werden: Die Wahrheit - so abscheulich sie ist. Es hiess, man sei lieber ein würdevoller Abschaum der Gesellschaft, ein offener Verräter des Vertrauens oder viel lieber ein ehrlicher Unmensch, als dass man sein wahres Ich hinter einer heuchlerischen Fassade von Lügen verstecke. Das ist wohl wahr. Doch, wenn es um die Kreatur in den vergraulten Tiefen meiner Seele geht, ein Biest immerhin - so bewahre und verteidige ich es mit Kampf und Widerstand vor der Welt der Normalität, in der ich mich als Chamäleon bewege. Das Biest scheut das Hell und blüht im Dunkeln, doch fürchtet es sich vor den Nächten. Und wenn die Kreatur doch meine Schutzmauern durchsickert, verwischt man geschickt die Realität.
Die Zeilen scheinen verbittert, selbst hier verabscheue ich meine eigene Wahrnehmung, denn mein Schreiben, und alles, wofür ich stehe, ist ein Hochverrat an mir selbst. Ich bin nicht der Mensch, für den ich mich ausgebe. Ich bin auch nicht der liebevolle Ehemann oder der zärtliche Familienvater meiner Kinder, viel weniger bin ich der tüchtige Schwiegersohn, für den mich meine Schwiegereltern seit jeher hielten. Man mag es meiner Maske nicht ansehen, doch bin ich ein Mensch gebaut aus Hass und Jähzorn, mit dem Gesicht der Vernunft.
Um das Biest vor mir zu sehen, möchte ich es benennen: Es heisst Morra. Morra, wie der Schatten, der immer da ist - und es war schon immer da - doch es ist heute mehr da, als früher. Morra ist ein Verrat, ein Heuchler, ein Schandfleck der Menschheit und gesellschaftlich verwerflich. Man meidet es und doch findet man sich in seinen Bann gezogen. Gestraft sind all jene in seinen Fängen! Es ist nicht ein Wollen, sondern ein Müssen und so gequält man sich mit diesem Begleiter fühlt, so stark zieht auch das Seil, das fest um meine Beine geschnürt ist und das mich langsam hin zum Schlund zieht. Es hält mich, scheinbar für immer, in seinem Gewahrsam fest, mit dem Mundgeruch des Todes und dem Hallen des Abgrunds.
Morra steht in der Ecke des Raumes, gut wahrnehmbar für mich, beobachtet jede Bewegung und ich fürchte mich davor, dass andere es auch sehen.
Warum ich? frage ich in den Raum, als das Seil um den Fuss zu ziehen beginnt.



Ich glaube Morra braucht dringend eine Umarmung. 🤗❤️
Ein Freund hat mir letztens von seinen dunkelsten Fantasien erzählt, und ich brauchte einen Moment, um zu verarbeiten, was er mir anvertraut hatte. Es hat mich zugegebenermaßen noch im Nachhinein beschäftigt, jedoch musste ich mir eingestehen, dass in uns allen Persönlichkeitsanteile schlummern, mit denen wir nicht unbedingt hausieren gehen – jedenfalls nicht völlig ungeschminkt. Sofern dein Beitrag nicht als Fiktion gedacht war, finde ich deine Ehrlichkeit bemerkenswert.